Interview_Grafe

Andre Grafe: “Naturheilkunde ist Kulturgut”

„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“, hat Ex-Beatle John Lennon einmal gesagt. Und oft genug stellt sich heraus: Das Leben hat recht! Ist das, was dabei herauskommt, in der Rückschau doch gerne um Längen besser als der brillanteste Plan. Andre Grafe, der Gründer und Leiter der Akademie für Tiernaturheilkunde, wollte ursprünglich Jet-Pilot werden. Gut, dass das nicht geklappt hat.

Herr Grafe, Jet-Pilot ist ja ein Traumberuf vieler kleiner Jungen. Sie hatten ihn aber bis ins Erwachsenenalter gerettet.
Ja! Als ich mich nach meinem Schulabschluss für ein Studium entscheiden musste, kam für mich tatsächlich nur der Jet-Pilot in Frage. Allerdings fand ich mich unter gut 4.000 Mitbewerbern wieder, die alle um ein paar Dutzend Ausbildungsplätze konkurrierten. Da hatte ich keine Chance. Wie sich herausstellte: Zum Glück! Mein Leben wäre mir zu technisch geworden. Ich liebe den Wald und Tiere, und das hätte ich als Militärpilot nur Sekunden vor dem Absturz erleben dürfen. Jetzt habe ich einfach mehr Zeit dafür und muss mir nicht von irgendeinem Elch sagen lassen „Du Bruchpilot“.

Wie sind Sie dann ausgerechnet zur Tiermedizin gekommen?
Tierarzt war mein zweiter Traumberuf. Als ich die Aufnahmeprüfung für das Tiermedizinstudium in Wroclaw bestanden hatte, stand für mich fest, dass ich diesen Weg gehen würde. Nachdem ich in meiner Schulzeit übrigens ein echter Lehrer-Schrecken gewesen war, entwickelte ich mich an der Uni zu einem akzeptablen Studenten. So hatten sich übrigens meine Eltern meine Zukunft aber nicht vorgestellt; sie wollten dass ich Zahnmedizin studieren und später ihre Praxis übernehmen sollte. Aber statt in den Mündern zu Bohren, führte ich im Jahr allein bei Rindern über 2.000 rektale Untersuchungen durch, und das war mir ehrlich gesagt auch lieber.

Und doch haben Sie den Tierarztberuf an den Nagel gehängt und sich der Tiernaturheilkunde zugewandt. Warum?
Rückblickend gab es da kein einzelnes auslösendes Ereignis. Das Ganze beruhte eher auf einem Prozess, einer Art Reifeprozess. In der tierärztlichen Praxis wurden wir immer wieder mit Fällen konfrontiert, die wir nicht lösen konnten und bei denen es fast schon sittenwidrig gewesen wäre, sie weiter mit den Mitteln der Schulmedizin zu behandeln und Geld dafür zu nehmen. Weil wir nicht weiter wussten, schickten wir die Leute zum Tierheilpraktiker, manchmal nur, um sie loszuwerden. Und dann, irgendwann, wurden sie wieder in der Praxis vorstellig, aber wegen etwas ganz anderem, einer Impfung zum Beispiel oder einer kleinen Verletzung. Was das einst unlösbare Problem betraf, so waren die Tiere gesund! Wir fragten, hey, was ist passiert, was habt ihr gemacht? Und die Leute antworteten: Wieso, Sie haben doch gesagt, wir sollen zum Heilpraktiker gehen!?  Unfassbar war manchmal für uns, dass Tiere nach der einmaligen Gabe weniger Globuli oder nach ein paar Akupunktursitzungen in spektakulärer Geschwindigkeit alle Beschwerden losgeworden waren. Derartige Geschichten geschahen immer wieder. Und schließlich tauchte meine alte Leidenschaft für die Pflanzenheilkunde wieder auf. Ich begann, mich intensiv mit Phytotherapie und Homöopathie zu beschäftigen, nahm wieder an Kräuterwanderungen teil und hatte auf einmal „Blut geleckt“. Witzig daran ist, dass ich von Kräutern so besessen war, dass ich jedes Pflänzchen in getrocknetem Zustand erkannte – sogar in Pulverform – aber auf der „grünen Wiese“ kein Auge dafür hatte und sprichwörtlich alles zertrampelte, wonach wir eigentlich suchten.

Was hat Sie bewogen, die Akademie für Tiernaturheilkunde zu gründen?
An der Uni in Gießen und an einigen Tierheilpraktikerschulen gab es ein paar Studenten, die von meiner Leidenschaft Wind bekamen und Praktika absolvieren wollten. Das wurden bald so viele, dass ich das nicht mehr bewältigen konnte. Also formierten sich die Studenten zu einer Klasse, und ich unterrichtete. Eine Tierheilpraktikerschule fragte mich dann als Dozent an, aber mir war der praktische Part der Ausbildung zu wichtig, um mich auf Theorie zu beschränken. Ich gründete dann die Norddeutsche Tierheilpraktikerschule. Diese wurde später in Akademie für Tiernaturheilkunde umbenannt.

Worin bestehen aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für Tierheilpraktiker?
Ich betrachte die Tierheilpraktiker heute als Leute, die ein Kulturgut pflegen, es verbessern – auch durch empirische Studien – und weitergeben. Dank der kurativen Tätigkeit der Tierheilpraktiker außerhalb der Medizin eröffnen sich komplementäre Hilfen für Mensch und Tier, wobei viele Naturheilverfahren ursprünglich sogar aus der Medizin stammen und auf breiter Front eingesetzt wurden. Eine Herausforderung sind heute die vielen neuen Verfahren. Jedes erfordert dabei eine eigene Methodik, die der Tierheilpraktiker beherrschen muss.

Was zeichnet einen guten Tierheilpraktiker aus, bzw. woran können Tierhalter einen solchen erkennen?
Man darf sich heute nicht erlauben, als Tierheilpraktiker zu arbeiten, ohne auch tiermedizinisches Fachwissen zu besitzen. Ein Tierheilpraktiker muss wissen, was er behandelt, da hinter diversen Symptomen zig Erkrankungen stecken können. Um diese zu identifizieren, sind solide tiermedizinische Kenntnisse unerlässlich. Allerdings ist der Weg der Schulmedizin nicht der einzige, der zur Heilung zur Verfügung steht, und das ist einem Tierheilpraktiker sehr bewusst. Insbesondere ist die Strategie der Unterdrückung von Symptomen nicht die seine. An der Akademie für Tiernaturheilkunde versuchen wir diesbezüglich eine echte „Erziehung“ unserer Studenten. Wir bilden sie dazu aus, so lange zu forschen, bis sie sozusagen „die Kranken der Erkrankung“ im individuellen Patienten identifiziert haben. Unsere Absolventen sind eine Art „Barfuß-Ärzte“, die sprichwörtlich mit allen Sinnen diagnostizieren und therapieren – riechen, spüren, palpieren etc. und nicht immer gleich zu bildgebenden Verfahren Zuflucht suchen. Wir wollen, dass sie den Organismus durchschauen und alle ihnen zur Verfügung stehenden, auch alternativen diagnostischen Methoden sicher beherrschen. Deshalb ist die Ausbildung bei uns auch so facettenreich und umfassend, mit mehr als 80 Skripten, 220 Videos, Webinaren, Sonderseminaren und  Praxisseminaren. Und aus diesem Grund führt für uns auch kein Weg an modernem E-Learning und intensiver Evaluation vorbei.

Wann oder bei welchen Problemen ist der Tierheilpraktiker ein besserer Ansprechpartner für den Tierhalter als der Tierarzt?
Tierheilpraktiker können heute durchaus auch manch akute Erkrankung behandeln. Wohler fühlen sie sich aber ganz traditionell in den chronischen Geschehen. Die sind ihre große Stärke.

Was macht Ihnen bei Ihrer Arbeit als Dozent, Geschäftsführer etc. am meisten oder besonders Freude?
Eigentlich ist es das Unterrichten. Leider komme ich fast gar nicht mehr dazu. Was mich darüber hinaus momentan sehr reizt und begeistert, ist die Entwicklung neuer Lernsysteme. Wir haben diesbezüglich viele tolle Ideen, die regelrecht spektakulär anmuten und aus meiner Sicht sehr zukunftsträchtig sind. Nicht zuletzt entscheidet ja auch die Qualität des Lernens maßgeblich über die spätere Qualität der Arbeit am Patienten.

Ihre Pläne für die Zukunft?
Eine der wichtigsten Aufgaben für die nächste Zeit ist die Auswahl von Autoren und Referenten für das Fach Verhaltenstherapie. Diesbezüglich soll der bestehende Lehrgang „Hundeverhaltensberatung“ um verhaltensmedizinische Themen erweitert werden. Es ist ein sehr mutiges und sehr anspruchsvolles Projekt, das durchaus im Bereich der Pionierarbeit angesiedelt werden kann. Außerdem entsteht ein wirklich bahnbrechendes Konzept zum Assistenzhundetrainer, das sich zurzeit schon in der finalen Phase befindet. Ich möchte hier noch nicht so viel verraten, aber diese Ausbildung wird in der „Szene“ Maßstäbe setzen. Ich bin allerdings nicht der einzige, der die Akademie für Tiernaturheilkunde prägt und voranbringt. Denn die Akademie integriert eigentlich drei Fachbereiche: die kurativen Berufe, Tiertrainingsberufe und Berufe, die im Management anzusiedeln sind. Zurzeit sind das insgesamt 16 Lehrgänge. Ich bin sehr froh, hier auf kompetente und engagierte Unterstützung durch namhafte Fachleute und Wissenschaftler bauen zu können, die sich um die Leitung, Organisation und Förderung der jeweiligen Sektionen kümmern. Sie alle prägen die Akademie für Tiernaturheilkunde maßgeblich und tragen dazu bei, dass wir eine einzigartige Ausbildung auf sehr hohem Niveau und mit einem wirklich ganzheitlichen Anspruch realisieren können.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche wären das?
Als erstes wünsche ich mir, dass unsere Tochter demnächst ein gesundes Kind zur Welt bringt. Als zweites möchte ich mir mehr Zeit für meine Familie nehmen. Und als drittes hoffe ich, dass unser ganz großes Projekt in Sachen E-Learning, an dem viele beteiligt sind und über das Sie ja auch schon in unserem neuen Online-Magazin Quadropodium berichtet haben, ein voller Erfolg wird. Und natürlich wünsche ich mir damit verbunden auch, dass alle Studenten der Akademie durch effektives und effizientes Lernen davon profitieren und beim Lernen vor allem auch sehr viel Spaß haben werden. Ich denke, einen ersten Ausblick, eine Art „Kostprobe auf die Zukunft“, können wir allen schon im Oktober dieses Jahres vorstellen.

 Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Judith Böhnke

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